
Die Welt von gestern …
In den Erinnerungen eines Europäers „Die
Welt von gestern“ gibt der Schriftsteller Stefan Zweig einige Eindrücke über
das Wien der Jahrhundertwende wieder:
„In kaum einer Stadt
Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien.
Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder
politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders
erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem
Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. (…) unversehrt in
ihrem alten Glanz war die
Hauptstadt geblieben (…) hier waren alle Ströme europäischer Kultur
zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem
Slawischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem
Französischen, dem Flandrischen im Blut verbunden,und es war das
eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch
aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das
Wienerische.“ Im Wien der Jahrhundertwende hatten sich auf allen kulturellen
Gebieten, der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik, die
größten
Begabungen versammelt. Aus allen Teilen der Donaumonarchie waren sie in die
Metropole gezogen.
Nie wieder wirkten so
viele bedeutende Komponisten gleichzeitig am selben Ort. Die Spätromantiker
Johannes Brahms und Karl Goldmark hatten Wien zu ihrer Wahlheimat gemacht,
wobei sich Brahms durch sein Engagement für Antonín Dvořak auch für die
tschechische Musik einsetzte. Der
Walzerkönig Johann Strauß und der Geigenvirtuose Fritz Kreisler schrieben
mit ihren wunderbaren, der leichten Wiener Muse gewidmeten Melodien
Musikgeschichte, nicht zu vergessen Franz Lehár, der das Zeitalter der
„silbernen Operette“ mitgestaltete, und in seinen Operetten ein breites
multikulturelles Spektrum bot. Musikgrößen wie Gustav Mahler und in
weiterer Folge Richard Strauss leiteten zeitweilig die Wiener Oper und
nahmen auch durch ihre Kompositionen großen Einfluss auf die Musik
in Wien.
Das gesellschaftliche Leben der Metropole der Donaumonarchie
wurde zu dieser Zeit vom Hof, der Aristokratie und dem Bürgertum dominiert,
wobei eine besondere Bedeutung der jüdischen Bourgeoisie zukam. Stefan Zweig
schreibt, dass neun Zehntel von dem, was die Welt als Wiener Kultur des 19.
Jahrhunderts feierte, eine vom Wiener Judentum geförderte, genährte, oder
sogar schon selbst erschaffene Kultur war, wobei dies
nicht in einer speziellen jüdischen Weise geschah, sondern indem es durch
„ein Wunder an Einfühlung dem Österreichischen, dem Wienerischen den
intensiven Ausdruck gab“. Das Wien des Fin de siecle war der fruchtbarste
Boden für alle musikalischen Strömungen.
In der vorliegenden Einspielung soll nun ein kleiner Einblick in die Vielfalt der Musik der Jahrhundertwende gegeben werden, in die Musik eines Vielvölkerstaates, in dem jede Musikrichtung ihren Platz hatte, obwohl sich die Trennung zwischen „Ernster Musik“, „Unterhaltungsmusik“und Salonmusik immer deutlicher manifestierte: in eine Musik, die die Möglichkeit gab, die Endzeitstimmung zu verdrängen, die Augen zu verschließen – vor dem immer näher rückenden Unheil, dem kommenden tiefen Leid, das fast ausschließlich nur die Literaten und Schriftsteller thematisierten.
Thomas Albertus Irnberger

