Der 1985 in Salzburg geborene Thomas Albertus Irnberger ist im besten
Sinn ein Sonderfall. Gerade
24-jährig, kann er bereits auf eine stattliche Gramola-Diskografie
verweisen. Auch die Liste seiner pädagogischen Führungskräfte ist
beeindruckend: Sabaini, Gitlis, Sitkovetsky, Igor Oistrach, Zhislin,
Fuks, Kless! Und wie dem Booklet der neuen Mozart-Einspielung zu
entnehmen ist, debütierte Irnberger im vergangenen Sommer bei den
Salzburger Schlosskonzerten als Sänger mit Arien von Mozart! Diese
vokale Neigung teilt er mit dem finnischen Pianisten Henri
Sigfridsson, der am Ende seiner Duoprogramme mit der Geigerin
Patricia Kopatchinskaya gelegentlich das singende Wort ergreift,
während seine Violinpartnerin begleitend ihre Klaviermöglichkeiten
erkundet…
Mit Einspielungen der Violinsonaten von Brahms (Gramola 98811),
mit einer Zusammenstellung „Wien im Fin de siècle“ (98833) und mit
zwei Schubert-CDs an der Seite des Pianisten Jörg Demus (98828,
98858) vermochte Irnberger ebenso zu interessieren und zu überzeugen
wie zuletzt mit einer Auswahl aus den Mozart-Violinsonaten (mit Paul
Badura-Skoda /98852) bzw. mit den drei Violinsonaten von Niels
Wilhelm Gade (98867), wobei bei diesem Ausflug in skandinavische
Gefilde der Pianist Edoardo Torbianelli die gleichsam ausländischen
Geschäfte übernahm. Ein stattliches Repertoire unter den Vorzeichen
wechselnder, anregender, ja inspirierender künstlerischer
Partnerschaften, das den jungen Musiker zu Recht sehr schnell in den
hörenden Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat.
Mit den drei „großen“ Violinkonzerten von Mozart, die in Salzburg
Ende 1775 entstanden sind, bewegt sich Thomas Albertus Irnberger in
jeder Hinsicht auf heimischem Terrain. Vom ersten Ton an gewinnt man
den Eindruck, es handle sich hier um eine musikantische
Muttersprache, um die natürliche Weitergabe des seit frühester
Kindheit „Inhalierten“. Mit großer Selbstverständlichkeit werden die
technischen von den melodischen Sechzehnteln der raschen Sätze
voneinander abgesetzt. Instinktiv, aber zweifellos auch wissend
wirken die melodischen Ereignisse im Forschen wie im Besinnlichen
ausgelotet, auf ihre emotionalen Qualitäten hin abgetastet, zum
Schwingen und zum (überlegten) Vibrieren gebracht. Im Begleitheft
äußert sich Irnberger ausführlich über die
biografisch-kompositorischen Hintergründe der Violinkonzerte, zieht
thematische Parallelen zu Mozarts Opernschaffen, erwähnt das
ungewöhnliche Instrumentarium, dessen sich sein Vater Leopold
gelegentlich bediente („um dem populären Geschmack gerecht zu
werden) – und er geht auch auf die Entscheidung ein, bei dieser
Einspielung einen Hammerflügel als Continuo-Instrument zu verwenden.
Es handelt sich also nicht nur um eine in der musikalischen
Ausführung, sondern auch hinsichtlich der begleitenden Unterweisung
ergiebige Edition.
Irnberger weiß die verschiedenen Satzcharaktere ebenso wie die
Satz internen Stimmungsumschwünge plastisch herauszuarbeiten, ohne
die übergeordnete Linie, also das taktübergreifende Pulsieren außer
Acht zu lassen. Hier ist ihm das „Spirit of Europe“-Orchester (mit
Sitz in Melk an der Donau) Vorbereiter, Stütze, Kommentator,
Anfeuerung und untermalendes Element – von Martin Sieghart je nach
dramaturgischer Situation gewissenhaft, aber keineswegs pedantisch
eingefädelt und auf Kurs gehalten. Das seit 2004 bestehende Ensemble
– dem Jahr der größten EU-Erweiterung! – eröffnet dem Solisten einen
breiten Klang und Erlebensraum. Irnbergers schöner, wenn nötig
durchaus saftiger Ton erschöpft sich nicht im Kantablen. Wenn Mozart
in diesen Werken Intimes verraten möchte, dann lässt der Geiger sein
Instrument sprechen, dann zögert er nicht, ihm auch fahle, sozusagen
unangenehme Nuancen zu entlocken. Mein einziger Einwand, was die
tonliche Qualität seines Spiels anbelangt, betrifft die tendenziell
forcierte Handhabe der hohen Lage. Sie könnte für mein Empfinden
etwas mehr Rundung, etwas mehr tonliche „Qualität vertragen.
Womöglich sind es hier die überschüssigen gestalterischen Kräfte
eines Interpreten, der den Vortrag dieser Konzerte glühend-wissend
als Mission betrachtet. Diese Kräfte setzt er ansonsten mit
planender Übersicht und mit Feingefühl für improvisatorische
Lässigkeit in den Kadenzen und „Eingängen“ ein. Die entsprechenden
Passagen stammen aus der Werkstatt des Musikwissenschaftlers und
Pianisten Paul Badura-Skoda, dessen stilistisch einfühlsame Kadenz
für das Haydnsche D-Dur-Klavierkonzert ich bei dieser Gelegenheit
professionellen wie häuslich dilettierenden Klavierspielern
wärmstens empfehle (Genuin 89145).
Zusammenfassend sei gesagt: Mit dem Interpreten Thomas Albertus
Irnberger tritt von Salzburg aus ein Interpret in Erscheinung, der
die internationale Violinszene nachhaltig bereichern sollte. Eine
Persönlichkeit mit Weit- und Durchblick, ein denkender Virtuose –
kurzum: eine Persönlichkeit, wie sie nicht alle Tage die Weltbühne
des hochrangigen Musizierens betritt.
Peter Cossé (13.01.2010)