
Die im
Frühjahr 1994 von
Jörg Demus
komponierte „Waldsonate“
weist durch den Ausdruck der Naturhaftigkeit und der seelischen
Verbundenheit zur Welt der Mythen und Märchen auf der einen Seite in eine
vergangene Zeit zurück, andererseits ist durch Zitate und Assoziationen der
Bezug zur Jetztzeit gegeben. Charakterisiert wird der Wald als Heimat der
Pflanzen und Tiere, als Ort, an dem die Gesetze der Menschenwelt nicht
gelten, wo Tiere und Pflanzen sprechen, wo sich Fabel- und Märchenwesen wie
Zwerge und Feen ungeniert unters Volk mischen können oder sich geheimen
Leidenschaften hingeben. Für den 1. Satz, mit dem Obertitel
„Maiglöckchen-Idyll“ versehen, wählt der Komponist die feierliche Tonart
Es-Dur und malt ein Stimmungsbild im Sinne von „Die Strahlen der Sonne
vertreiben die Nacht“, nur dass hier von den Maiglöckchen, den
Liliengewächsen, die als Frühlings- und Liebesblume im deutschen und
besonders im französischen Volkslied schon lange Tradition haben, nicht die
Nacht, sondern der Winter vertrieben wird. Nachdem der Komponist durch
Verwendung der weichzeichnenden B-Dur-Tonart den lieblichen Charakter des
Satzes kurzfristig verstärkt, erreicht er mit der Überleitung nach Des-Dur
eine illusionäre Ausdrucksebene. Die mit menschlichen Eigenschaften
ausgestatteten Maiglöckchen besingen bzw. beschwören in einer herrlichen
Kantilene einen ewigen Frühling. Für Jörg Demus ist das Erscheinungsbild des
Waldes kein unheilbringendes Labyrinth, wie wir es aus Eichendorffs
Loreley-Version kennen, in der die böse Waldfee diese Schlusszeilen singt:
„Es ist schon spät, es wird schon kalt, kommst nimmermehr aus diesem Wald.“
Der Komponist charakterisiert ihn im Gegensatz dazu als Ort der
Geborgenheit, des Schutzes. Bei ihm gibt es im zweiten Satz, „Waldesmärchen“
benannt, nur die gute Fee, die dem verirrten Kind den richtigen Weg weist.
Sie lebt, als Symbol für den Wunsch nach Einheit mit der beseelten Natur, im
geheimnisvollen, tiefen, fast undurchdringlich wirkenden Wald, kennt alle
Pflanzen und Tiere und ist den Menschen gut gesinnt. Zu Beginn des Satzes in
f-Moll streift das Kind traurig und verzagt im Dickicht umher. Nach einer
Modulation nach B-Dur wird das Auftreten der Waldfee mit einer an ein
Kinderlied erinnernden Dur-Melodie untermalt, die den positiven Ausgang der
Begegnung mit dem Waldgeist vorwegnimmt. Im darauf folgenden
f-Moll-Abschnitt klagt das Kind der Waldfee sein Leid, diese nimmt sich
seiner an und führt es hinaus. Der Satzschluss in
F-Dur zeigt den glücklichen Ausgang des Abenteuers. Der dritte Satz, ein
Scherzo mit dem Titel „Bei den sieben Zwergen“, lässt uns in Schneewittchens
Welt eindringen. Diese ist nicht nur in der Romantik verhaftet, sondern ein
Bindeglied zwischen unserer Welt und der Märchenwelt. Umgeben von den
Zwergen, die ein freies Leben ohne Zwänge und Konventionen im Wald führen –
bei ihnen sind sogar die parallelen Quinten erlaubt –, tanzt Schneewittchen
übermütig in Kenntnis der Musik des 20. Jahrhunderts zum spanischen
Habanera-Rhythmus „Es grünt so
grün“ aus dem Musical „My Fair Lady“ von
Frederic Loewe, den der Komponist hier zitiert. Im vierten Satz, betitelt „In
Waldesnacht“, einem „Andante misterioso“, wird ein Stimmungsbild mit
murmelnden Quellen entworfen, die ihre Fließgeschwindigkeit ständig erhöhen
und uns Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzählen. Jörg Demus geht
es in diesem Satz um die Vermittlung von Stimmungsmomenten, er gibt dem
Hörer die Möglichkeit eines selbständigen Ausmalens des Bildes, mit dem
Titel steckt er nur den Assoziationsrahmen ab. Die klagende Kantilene, die
in den Zwischenteilen erklingt, kann man einem Baumgeist, einer Elfe
zuschreiben, oder auch der besten Sängerin, der Nachtigall, die mit ihrem
süßen Gesang gleichzeitig ein Gefühl größter Seligkeit und bittersten
Schmerzes erzeugen kann. Im 5. Satz geleitet uns Jörg Demus in die Tierwelt.
Von den Waldbewohnern wählt er den Vogel, Symbol der menschlichen
Flugsehnsucht, des Freiheitsverlangens, der Wanderlust, aber auch der
künstlerischen Inspiration und Schaffenskraft. Er widmet sich einem Vogel
aus der Familie der Sperlingsvögel, dem kleinen, schnellen, hüpfenden, meist
auch mit dem Attribut „frech“ ausgestatteten Spatz (franz. Le Passereau). Das
in A-Dur komponierte Rondo (der Tonart, die der Musikwissenschaftler Alfred
Stenger in seinem Buch „Ästhetik der Tonarten“ als „klangliche Tangente
zwischen Himmel und Erde“ bezeichnet) charakterisiert ein drolliges,
unterhaltsames Tier, das in den Lüften wie auf der Erde zu Hause ist, einen
Vogel, der Alltagskümmernisse sofort vergessen lässt und selbst nur für den
Augenblick lebt. Er findet überall einen gedeckten Tisch. Der Spatz hat
keine Zukunftsangst, eine kurze a-Moll-Trübung im ungarischen Stil
beeindruckt ihn nicht. Mit seiner „Waldsonate“ führt Jörg Demus den Hörer in
Gefilde, in denen sich der Zauber der beseelten Natur erhalten hat, wo
Naturmagie, Traum- und Zauberwelt miteinander verschmelzen. Durch seine
Gegenwartsbezüge zeigt er aber auch, dass in unserer rationalen Welt, in der
nur das als wahr gilt, was wissenschaftlich nachweisbar ist, neben der
Vernunft auch Platz für das Reich der Phantasie sein muss, damit wir nicht
einmal wie Papageno in der „Zauberflöte“ entsetzt feststellen müssen: „Ich
Narr vergaß der Zauberdinge.“ Zum Ende schließt sich der Kreis: Die
Maiglöckchen sind voll erblüht, der Komponist kehrt zur Anfangstonart Es-Dur
zurück – „Die Strahlen der Sonne…“
Thomas Albertus Irnberger
Jörg DEMUS
Sonate für Violine und
Klavier op 48
Thomas Albertus Irnberger zugeeignet
