Wie die G-Dur Sonate scheint auch
die
Violinsonate in A-Dur
Opus 100 , ebenfalls ein
Werk mit
auffällig lyrischem Charakter, einen autobiographischen Hintergrund
zu haben.
Wiederum gibt es Beziehungen zu Liedern, und wieder ist Sommer. Doch diesmal
befindet sich Brahms in der Schweiz, in Hofstetten bei Thun, im Jahr 1886.
Brahms ist glücklich - lange Morgenspaziergänge, der idyllische Thunersee am
Fuße der Hochgebirgswelt und - eine neue Liebe. Brahms sehnt sich nach der
Sängerin Hermine Spies.
Max Kalbeck schreibt in seiner Biographie, daß Brahms die Sonate " in
Erwartung der Ankunft einer geliebten Freundin " geschrieben hat. Und für
diese zitiert er zwei eigene Lieder in seinem Werk.
Das Lied " Komm
bald " Opus 97/5 und " Wie Melodien zieht es mir leise durch den Sinn " Opus
105/1.
Doch noch ein Lied klingt an - gleich zu Beginn - das Preislied aus
Richard Wagners " Meistersingern ". Daß die Ähnlichkeit mit diesem Lied zu
Beginn der Sonate reiner Zufall ist, kann man fast nicht glauben.
Alle drei
Sätze der Sonate bilden für Hanslick " einen reinen Dreiklang
einheitlich wohltuender
Stimmungen ; - ein heiteres Ausruhen des Gemüts ."
Doch nicht nur die A-Dur Sonate
entsteht im Sommer 1886 , Brahms beginnt auch seine dramatische,
ohne
Liedbezug konzipierte
Violinsonate d-Moll Opus 108
( fertiggestellt hat er sie vermutlich
erst 1888). Widmungsträger der Sonate
ist der Pianist und Dirigent Hans von Bülow.
Vom klaviertechnischen her
gesehen ist die d-Moll Sonate die anspruchsvollste - virtuos,
leidenschaftlich, dramatisch, spannungsreich. Eingebettet zwischen einem
Satz, den man als Ruhe vor dem Sturm interpretieren kann und zwischen dem
rhythmisch unruhigen, schemenhaft flüchtig dahineilenden
Scherzo, in dem
Melodien nur angerissen werden, schreibt Brahms ein feierliches klangschönes
Adagio.
Gipfelpunkt der Sonate ist jedoch der Finalsatz, wobei man hierbei einen
Vulkan im Sinne haben sollte. Hanslick beschreibt diesen sehr langen und am
stärksten durchgearbeiteten Satz als eine
" wie heiße Lava hinströmende
Tonflut."
Das besondere Wohlwollen von Johannes Brahms genossen die Hammerflügel aus der Werkstätte
des genialen Wiener Klavierbauers Johann Baptist Streicher ( 1796 - 1871 )
und dessen Sohnes Emil
Streicher ( 1836 - 1916 ). Diese zeichnen sich durch ihren hellen,
transparenten Klang im Diskant, ihre Tonlänge und ihren dunklen, herrlichen
Baß aus.
Bei der hier vorliegenden CD-Aufnahme kommt ein mit Wiener Mechanik und
Hebeldämpfung ausgestatteter " Johann Bapstist Streicher und Sohn " - Flügel
um 1870 zum Einsatz, der
einen Tonumfang von sieben Oktaven hat , und fast
mit dem verschollenen Streicher-Flügel
aus dem Jahr 1868 identisch ist, auf
dem Brahms bis zum Lebensende in seiner Wiener Wohnung
in der Karlsgasse
spielte.
Thomas Albertus Irnberger
![]()